Kolumne

01.08.2016, 00:33 Uhr
 
Sommer in Berlin
„An Tagen wie diesen“, schallt die bekannte Hymne einer bekannten Düsseldorfer Band über den Spreebogen am Reichstagsgebäude. Gebannt sitzen auf den Stufen am Ufer Touristen neben Berlinern, Kinder neben Senioren und zwischen drin, das eine oder andere Liebespärchen. Gebannt schauen sie alle auf die Filmprojektion im „Bullauge“ des gegenüberliegenden Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses. Und ich hocke mittendrin. Der Blick auf die Uhr verrät, es ist 21.30 Uhr. Ich lasse meinen Arbeitstag hier am Spreeufer ausklingen und blicke ebenso gespannt wie entspannt auf die Projektion. Gezeigt wird nicht etwa ein Hollywood-Streifen, sondern ein deutscher Blockbuster, der es in sich hat.
In Gedanken bin ich noch bei meinen Unterschriftenmappen und den Schlagzeilen um die in der kommenden Woche beginnenden Olympischen Spiele in Brasilien. „Schatten im Sportsommer“ oder „Spiele des Zynismus“, lauteten Überschriften in den Gazetten, die in den Gängen des Bundestages durchaus auf Gehör und Meinungen stoßen. Seit rund 50 Jahren klagen deutsche und internationale Doping-Experten über die Scheinheiligkeit bei Olympia, ganz nach der Devise „höher, schneller, weiter und stärker“ – für Vernunft scheint nur wenig Platz. Um die ursprüngliche Idee von Olympia, ein „Treffen und gegenseitiges Messen der Jugend der Welt“, welches der Völkerverständigung durch den Sport dient, geht es schon lange nicht mehr.

Ein bedeutungsvolles Feuerwerk beginnt auf der anderen Seite des Spreeufers, an dem ich sitze, und immer wieder werden Menschen gezeigt, die sich vor Freude in die Arme fallen. Über die im Zentrum befindliche Projektionsfläche hinaus, ist das gesamte Marie-Elisabeth-Lüders-Haus Teil der illuminierten Inszenierung. Ein fasziniertes Raunen geht durch die Reihen der Sitzenden. Insgesamt werden fünf Projektionsflächen bespielt. Die größte Fläche ist 300 Quadratmeter groß, die kleinste 21 Quadratmeter. Zusätzlich werden mit Laserprojektoren weitere Motive auf verschiedenen Gebäudeteilen abgebildet. Die Scheinwerfer erschaffen eine eindrucksvolle Aura und hüllen die Architektur des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, in dem sich die Parlamentsbibliothek befindet, in ein betörendes Licht.

Gezeigt werden eindrucksvolle 130 Jahre deutsche Parlamentsgeschichte in 30 Minuten – keine Spur von trockener Geschichtsstunde. Vom Friedrich-Ebert-Platz und vom Reichstagsufer aus kann jeder Zuschauer über die Spree hinweg wichtige Wegmarken und emotionale Ereignisse deutscher Parlamentsgeschichte erleben. Der Film beginnt mit der Kaiserzeit Ende des 19. Jahrhunderts, verfolgt die parlamentarische Entwicklung in der Weimarer Zeit, führt durch die dunkelste Epoche nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, reicht bis zur Teilung Deutschlands, zeigt deren Überwindung und die Vollendung der deutschen Einheit bis hinein in die Gegenwart.

Der Film zeichnet nach, wie das Reichstagsgebäude im Laufe dieser Zeit als Parlamentssitz erbaut, zerstört, instandgesetzt, verhüllt und umgebaut wurde, um schließlich 1999 als gesamtdeutscher Parlamentssitz wieder aufzuleben. So endet der Abend, bevor es morgen früh zurück in die Heimat geht, um nach dem Schützen- und Heimatfest hier meine Sommertour „Land und Leute“ zu starten.