Kolumne

21.03.2017, 12:45 Uhr
 
Schweres Gepäck
Der Blick des Bundesgesundheitsministers schweifte suchend umher. Hinter sich her zog er einen kleinen schwarzen Aktentrolly, und unter dem Arm hielt er einen ganzen Packen prall gefüllter bunter Unterlagenmappen. Er hatte seine Mühe mit seinem schweren Gepäck. „Kollege Beyer, ist neben Ihnen noch frei?“. „Leider, nein“, entgegnete ich, „aber ich glaube drei Reihen weiter, können Sie es mal probieren“.
Nein, ich berichte Ihnen nicht von der Platzsuche in einer Sitzung des Deutschen Bundestages – wobei man das Gefühl hätte haben können – es war Freitagnachmittag am Ende einer Sitzungswoche in der Deutschen Bahn auf dem Heimweg von Berlin nach Hause in Richtung Rheinland. Rund 50 Kollegen aller Fraktionen saßen schon, oder suchten noch nach einem Platz im Wagon des hinteren Zugabschnitts. Andere kauerten in Lauerhaltung auf ihren Aktenkoffern in den Gängen und hatten wohl die Hoffnung, dass spätestens in Hannover ein Sitzplatz für sie frei werden könnte. Der Grund für dieses nicht alltägliche Szenario war der Flugstreik in Berlin. So trifft Tarifpolitik die Politik – ein Grinsen ging mir bei diesem Gedanken übers Gesicht, denn wann erreicht ein Streik schon einmal direkt diejenigen, die Verantwortung tragen? Wohl eher selten.

Die nicht ganz freiwillige Zusammenkunft hatte aber auch etwas Gutes. Selten hat man die Gelegenheit mit den Kollegen längere Zeit zusammen zu sitzen. Außerhalb von Sitzungen ist es eher selten, dass man neben Smalltalk über das ausgefallene WLAN im Zug über Themen, die bewegen sprechen kann. So nutzte ich die Gelegenheit und sprach auf dem Weg ins Bord-Restaurant, um ein Chili con Carne zu essen, mit Kollegen über die Sorge, um den politischen Kurs der bosnischen Teilrepublik Srpska und die möglichen EU-Sanktionen gegen deren Präsident, oder den Auftritt des letzten Zeugen im NSU-Untersuchungsausschuss unter der Leitung des Kollegen Clemens Binninger am Donnerstag.

Das beherrschende Thema war jedoch der Türkei-Konflikt – im wahrsten Sinn schweres Gepäck. Auch wenn Gelassenheit schwerfalle, die vorherrschende Meinung war: Der Krieg der Worte mit der Türkei nütze nur dem türkischen Präsidenten. Cui bono? Übersetzt: Wem zum Vorteil? Wem hat es genützt, dass wir nicht ruhig geblieben sind? Erdogan! Dessen Strategie ist aufgegangen, er hat deutlich mehr erreicht, als er sich ursprünglich von Wahlkampfauftritten für sein Referendum in Deutschland erhoffen durfte. Nicht nur, dass die Aufmerksamkeit hoch ist. Ausgerechnet er kann sich im eigenen Land als Opfer darstellen, ausgerechnet Erdogan kann Deutschland Vorhaltungen machen. Kluge Politik ist Politik, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und jemandem wie Erdogan nicht den Triumph lässt, dass man sich öffentlich über ihn ärgert.

Die Zugfahrt nahm ihren Lauf. Am Ende fand auch der Gesundheitsminister einen Platz. Es gab keine Verspätung bis Düsseldorf und auch das WLAN war irgendwann gnädig mit uns.