Kolumne

23.06.2017, 11:40 Uhr
 
In tiefer Trauer
Nur auf den ersten Blick war es ein gewöhnlicher Montagmorgen in der vorletzten Sitzungswoche des 18. Deutschen Bundestages. Schon beim Betreten des Reichstagsgebäudes schien es mir an diesem Tag stiller zu sein. Vielleicht war es nur eine Einbildung, aber es kam mir so vor, als würde das hektische Treiben unter der Glaskuppel heute gelähmt sein.
Ich hatte meinen gewöhnlichen Weg zum Büro genommen. Das heißt mit der U-Bahn bis zur Station „Brandenburger Tor“ und rauf ins Getümmel vor dem Wahrzeichen der Stadt. Beim Bäcker des Vertrauens holte ich mir noch schnell mein „Frühstück to go“, um dann hinüber zum Reichstag zu gehen. Ich nahm den Eingang am Friedrich-Ebert-Platz, auf der gen Osten gelegenen Rückseite des historischen Gebäudes. Die automatische Glastür öffnete sich, und ich trat durch eine weitere Schleuse, eine Drehtür samt Pförtnerloge, ins Hohe Haus ein.

Ein kleiner Tisch mit einer weißen Tischdecke war in der großen Halle aufgebaut. Darauf eine Kerze. Sie brannte. Daneben lag ein Kondolenzbuch. Und in einem Rahmen stand die schwarz-weiß Photographie Dr. Helmut Kohls. Oft war ich hier schon vorbei gekommen in den vergangenen acht Jahren und habe mein Beileid den Familien von ehemaligen Kollegen bekundet, doch diesmal fehlten mir die Worte. Gut erinnere mich an meine erste persönliche Begegnung mit dem „Kanzler der Einheit“ und daran, dass ich sehr beeindruckt war. Die bewegendste Begegnung aber war sein letzter Besuch in unserer Fraktion vor fünf Jahren. Er saß schon damals im Rollstuhl, das Sprechen fiel ihm schwer. Seine Worte waren aber wohl gewählt. „Das hier ist meine Heimat. Hier bin ich zu Hause". Die ganze Fraktion hat da gespürt, dass Kohl aus tiefstem Herzen gesprochen hatte.

Er war nicht nur der letzte westdeutsche Kanzler, sondern er hat auch so polarisiert wie kaum ein anderer Kanzler. Wer alt genug ist, erinnert sich daran, wie heftig der Meinungskampf auch um die Person Kohl tobte. Er war es, der den Traum einer ganzen Generation, die Grenzen in dem blutgetränkten alten Kontinent niederzureißen, mit möglich machte. Helmut Kohl war nicht nur der Wegbereiter der deutschen Einheit, sondern auch Grundsteinleger der Einheit Europas. 16 Jahre regierte er die Bundesrepublik - länger als jeder andere Bundeskanzler. Ich bin mit ihm erwachsen geworden. Ja, ich würde so weit gehen, dass er sehr maßgeblich mein politisches und gesellschaftliches Denken geprägt hat.

Ein Kollege der Links-Fraktion trat neben mich in der Eingangshalle und sagte voller Anerkennung: „Ohne ihn wäre ich wohl kaum hier.“ Ich holte meinen Füllfederhalter heraus und schrieb: „Ich verneige mich vor einem großen Politiker. Unser Land und unser Kontinent hat Dr. Helmut Kohl viel zu verdanken: Entschlossen und geschickt haben er und seine Mitstreiter die Gunst der Stunde genutzt und so die Deutsche Einheit erreicht. Das war höchste Staatskunst im Dienste der Menschen und des Friedens. Ich bin stolz darauf, dass ich diese für Deutschland und Europa historischen Ereignisse miterleben durfte. Dafür spreche ich ihm meinen herzlichsten Dank und die größte Anerkennung aus“ [ein Auszug].“

Ob, wann und wo das Staatsbegräbnis stattfindet, stand noch nicht fest – sicherlich wird es aber eine Gedenkstunde im Deutschen Bundestag geben. So wird die vorletzte Sitzungswoche des Deutschen Bundestages vor der Wahl im September 2017 noch einmal historisch und mir noch lange im Gedächtnis bleiben.