Kolumne

22.03.2019, 00:00 Uhr
 
Askese im Lampenladen (Ausgabe 19/23)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Einen Latte Macchiato bitte. Ach, nein. Bitte lassen Sie die Milch weg!“, sagt neben mir ein Kollege mit sichtlich schlechter Laune. Wir stehen gemeinsam an der kleinen Espresso-Bar im Gebäudedurchgang zum Bundestag. „Er läuft aber schon“, ruft der Mann hinter der Theke. „Ich faste“, kommt als nächste Antwort. Nun hat der Kollege meine gesamte Aufmerksamkeit. „Katholisch?!“, frage ich, denn seit Aschmittwoch heißt es auch bei mir: Berliner mit Marmelade und fettige Bratwurst adieu! Die 40 Tage sind beinahe geschafft, denke ich mir etwas stolz, als der Kollege antwortet: „Nein, Übergewicht. Meine Frau zählt meine Punkte.“ Ich tue verständnisvoll. Dann beginnt er mit einer Art öffentlicher Askese. In einem Schluck trinkt er seinen Latte – ohne Milch – einen Espresso im hohen Glas. Ich wende mich ab, denn ich habe Sorge, dass er als nächstes Passagen aus esoterischen Heilfasten-Schriften rezitiert, damit auch wirklich jeder merkt, dass er es ernsthaft versucht. 
Die Uhr über mir zeigt zehn vor neun an. Mit dem Kaffeebecher in der Hand, meinem Tablet und der Tagesmappe unter dem Arm gehe ich schnellen Schrittes in das Reichstagsgebäude rüber. Auf der Tagesordnung steht für heute: Eine Regierungserklärung durch die Bundeskanzlerin zum Europäischen Rat. Es geht hauptsächlich um wirtschaftliche Themen, unter anderem um die Wettbewerbsfähigkeit Europas, eine europäische Industriestrategie und Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Diese Sitzungswoche des Bundestags steht nicht nur im Zeichen der Europäischen Union sondern vor allem unter der deutsch-französischen Freundschaft. Geplant ist eine verstärkte parlamentarische Zusammenarbeit des Deutsches Bundestags und des französischen Parlaments, der Assemblé Nationale. Zu diesem Zweck soll eine eigene deutsch-französische Kammer mit Abgeordneten beider Länder gebildet werden, die zweimal jährlich zusammentritt. 56 Jahre nach Unterzeichnung des Elysée-Vertrags ist das Deutsch-Französische Parlamentsabkommen ebenso wie der Aachener Vertrag, der im Januar in Kraft gesetzt wurde, ein Bekenntnis zur deutsch-französischen Freundschaft. Angesichts zunehmender internationaler Herausforderungen sollen so effektivere Absprachen unter anderem in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik ermöglicht werden. Eine sehr wichtige Aufgabe und sehr gute Initiative.


Gegen Mittag gehe ich zurück in mein Büro, weil hier mein nächster Termin wartet. Mich plagt ein Hungergefühl, besonders als mir ein Bratenofenduft in Höhe des sogenannten Lampenladens im Paul-Löbe-Haus, eine der Kantinen im Bundestag, in die Nase steigt. Der Name ist Programm, denn hier speist man unter einem Meer von bunten Leuchten. Der jedoch auch als Anspielung auf den Spitznamen des Sitzes der DDR-Volkskammer („Erichs Lampenladen“) verstanden werden kann.

Als ich das Essensangebot sehe, muss ich feststellen, dass meine „Fastenkur“ meinem Riechsinn einen üblen Streich gespielt hat. Es gibt keinen Braten, sondern Jagdwurstgulasch, Soljanka, ein saures Weißkohlsüppchen mit Hackfleisch oder Currywurst Pommes. Als besondere Offerte werden auf einem großen Plakat die Asiawochen mit frittiertem Huhn angepriesen. Beim Fasten geht es ja vor allem um den Verzicht von Fleisch und Alkohol. Schon das Wort Karneval beziehungsweise "Carne vale" also "Fleisch, lebe wohl“ weißt uns auf den Verzicht hin. So stelle ich mir an der Salattheke eine bunte Blattmischung zusammen und trete weiter aus Überzeugung auf die Kalorienbremse.