Kolumne

14.02.2020, 11:14 Uhr
 
Wind of Change (Ausgabe 19/37)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Es war gespenstisch still in der riesigen Halle des Paul-Löbe-Hauses mit seinen rund 1000 Büros und 20 Sitzungssälen am vergangenen Sonntagabend. Da der Westeingang am Wochenende und in den späten Abendstunden nicht mehr geöffnet ist, führte mich mein Heimweg durch das 102 Meter lange Gebäude mit dem Ziel, am Südeingang hinauszugehen. Die große Fläche zwischen den Sitzungssälen des Deutschen Bundestages wird regelmäßig für Ausstellungen genutzt, und ich nahm die Gelegenheit wahr, um einmal in Ruhe die Bilder und Zeichnungen auf mich wirken zulassen. Eine Stimme holte mich aus meinen Gedanken: „Entschuldigen Sie bitte, könnte ich bitte Ihren Ausweis sehen?“ Ich zuckte zusammen, denn noch nie war ich an einem Sonntagabend in den Gebäuden auf Sicherheitspersonal getroffen. Jeder, der den Bundestag schon einmal von Innen besichtigt hat, dürfte den Parlamentspolizisten begegnet sein. Sie kontrollieren zum Beispiel die Eingänge oder sind bei Veranstaltungen im Haus unterwegs. Diese Situation war mir neu.

Der Grund der besonderen Ausstellung ist: Der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Gezeigt werden 50 Originalzeichnungen und 25 Ölbilder des Künstlers David Olère. Er war einer der wenigen Häftlinge des Sonderkommandos, die den Krieg und die industrielle Ermordung von Menschen überlebten. Er war zugleich der einzige, der seine Erfahrungen in Gemälden und Zeichnungen festhielt. Die minutiösen Zeichnungen von aufeinander folgenden Phasen der Vernichtung und der Szenen aus dem Leben von KZ-Häftlingen sind von außergewöhnlichem Wert und stellen angesichts des Mangels zeitgenössischer Fotoaufnahmen einen unschätzbaren Fundus dar. Ich zeigte meinen Ausweis etwas perplex vor und ging langsam Richtung Süd-Ausgang, immer noch mit den Bildern im Kopf.

Der Montag begann im wahrsten Sinne stürmisch. Während Sturmtief Sabine, andernorts auch Ciara genannt,  in der Heimat für Unruhe sorgte, waren es in Berlin die Schlagzeilen über die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach dem Eklat um die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen, die für Wind sorgten. Für mich persönlich gibt es in der Frage nur eine Gangart: Sich scharf von jeder Zusammenarbeit mit den extremen politischen Rändern abzugrenzen, wobei natürlich inhaltliche und geschichtliche Unterschiede zwischen Rechts- und Linksextremen vorhanden sind. Was nun die Kanzlerkandidatur angeht, wird es nun vor allem in Nordrhein-Westfalen viele Gespräche geben. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen ist die Personalfrage offen.

Die grauen Wolken am Himmel verzogen sich erst am Donnerstag, als mich früh am Morgen eine große karnevalistische Abordnung einen ganzen Tag besuchte. Im Ornat – mit Strumpfhose, roten Schuhen und Federkleid auf dem Kopf, sorgte Prinz Bernd I. mit seiner Prinzessin Claudia II. für einen wirklichen Wochenhöhepunkt. Neben dem Bundestag nahmen sie einen Blick in meine Arbeit als Koordinator der Bundesregierung für die transatlantische Zusammenarbeit und schritten über den roten Teppich im Auswärtigen Amt. Auch ein kurzer Besuch im Bundeskanzleramt stand auf dem Programm der Botschafter der Fünften Jahreszeit. Bevor der Tagesausflug nach Berlin der Narren von der Anger zu Ende ging, gab es noch ein Abschiedsbier im Berliner Kultlokal „Ständige Vertretung“ an der Spree. Die ausgelassene Freude der Narren tat einfach gut. Und so ging mir meine Rede am Abend im Plenarsaal leicht von den Lippen.

Am Freitag ging es dann nicht wie gewohnt in die Heimat, sondern mit dem Zug nach München zur 1963 gegründeten Tagung für „Frieden durch Dialog“, die besser bekannt ist als Münchner Sicherheitskonferenz. Das Forum gilt als eine der wichtigsten Plattformen zur Erörterung künftiger Strategien für die globale Außen- und Sicherheitspolitik. Inhaltlich ging es vor allem um die Zukunft der „westlichen Werte“.

Wie belanglos scheint es nach einer solchen Woche in der Waschküche daheim die nassen Oberhemden aufzuhängen, um für die kommende Woche zu hoffen, dass der Wind uns nicht erneut so stark ins Gesicht bläst.