Kolumne

07.05.2020, 16:15 Uhr
 
Politik auf Abstand (Ausgabe 19/40)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Eigentlich säße ich jetzt neben meinen Kollegen Kerstin Radomski und Stefan Rouenhoff. Mehr und mehr Abgeordnete würden voll bepackt mit roten und blauen Dokumentenmappen, Laptops und Aktentaschen ihre Plätze einnehmen. Jens Spahn nähme in der Reihe vor mir seinen Platz, und noch bevor er seine Jacke über den Stuhl gelegt hätte, würde eine Kollegin oder ein Kollege ihn in ein Gespräch verwickeln, um ihm noch schnell, ganz informell, für ein Gespräch mit Bürgern zu gewinnen. Ähnlich würde es der Bundesministerin Anja Karliczek ergehen, die vermutlich schon am Eingang abgefangen worden wäre. Ein Stimmen-Wirrwarr würde den ganzen Saal erfüllen. Überall würde sich gegrüßt. Kurze Belanglosigkeiten würden ausgetauscht werden. Andere Kollegen wären tief in Gespräche verwickelt. Innenpolitiker tauschten sich mit Außenpolitikern aus. Umweltpolitiker mit Verkehrspolitikern. Vermutlich würde die Bundeskanzlerin jetzt durch die hintere Tür in den Saal schreiten - hinter ihr ein kleiner Mitarbeiterstarb. Natürlich würde auch sie umgehend belagert. Kamerateams würden das Geschehen im Saal verfolgen. Dann würde der Fraktionsvorsitzende Ralf Brinkhaus die bronzene Glocke läuten, die schon Konrad Adenauer schwang, und um Ruhe bitten. Hektisch würden die Journalisten in dem Moment ihre Sachen nehmen, und hinauseilen und zwei Mitarbeiter würden die beiden großen schweren Türen hinter ihnen verschließen. Langsam würde Ruhe unter den 246 Abgeordneten und den rund 100 Mitarbeitern im Saal einkehren.

Ich schaue auf die Uhr: Dienstag, 15.10 Uhr. Alles ist anders. Ich sitze in meinem Berliner Büro. Mein Blick ist auf den Bildschirm meines Laptops gerichtet. „Frau Bundeskanzlerin, Sie haben das Wort“, verkündet der Fraktionsvorsitzende. Auf dem Bildschirm sehe ich Angela Merkel an einem Schreibtisch sitzen. Sie trägt einen blauen Blazer. Hinter ihr stehen die Deutschland- und Europaflagge. Ich nehme an, sie sitzt im Krisenzentrum des Kanzleramtes. „Ach, bin ich schon dran?“, erwidert sie. Gemurmel folgt. „Bitte stellen Sie ihre Mikrofone aus“, ruft eine Stimme aus dem „off“. Eine Mitarbeiterin der Fraktion bittet noch einmal alle Teilnehmer der Videoschalte der Fraktionssitzung um die Stummschaltung. Es seien rund 350 Teilnehmer in der Leitung….

Ja, alles ist anders - das Leben ist anders. Niemand von uns hätte sich eine solche Situation vorstellen können. Alles scheint wie aus einem Science-Fiction-Roman von George Orwell oder H. G. Wells. Am Berliner Hauptbahnhof werden nicht die Verspätungen der Bahn durchgesagt, sondern eine elektronische Stimme ruft ununterbrochen: „Halten Sie Abstand“. Berlin ist menschenleer. Nur im Tiergarten scheint sich ein Stück „Normalität“ erhalten zu haben. Hier spielen Familien Fußball. Man sieht viele Freizeitsportler, und Verliebte spazieren durch die Rhododendron-Anlagen und über die romantischen Brücken.

Reisen fallen aus. Treffen mit Freunden und Verwandten finden nicht statt, und selbst medienaffine Menschen mussten lernen, wie man technisch an einer Videoschalte teilnimmt. Viele können nicht zur Arbeit. Der Supermarkt um die Ecke ist zum sozialen Treffpunkt geworden.

Noch weiß niemand, wie lange die Corona-Pandemie unser aller Leben beeinflusst. Von einer Zeit nach Corona können wir erst sprechen, wenn es einen Impfstoff gibt - und das kann noch dauern. Die Corona-Krise, das sind dynamische Kurven und abstrakte Zahlen - mit ganz konkreten Folgen für unseren Alltag. Corona ist aber auch ein Virus, um welches es viele Theorien gibt. Nicht nur das Virus breitet sich aus, sondern auch die Falschmeldungen, woher das Virus stammt, was dahinter steckt und welche Hausmittel zur Heilung beitragen. Unreflektiert werden vor allem in den Sozialen Medien „alternative Wahrheiten“ geteilt und kommentiert. Informationen kritisch zu hinterfragen, ist erste Bürgerpflicht, jedoch haben viele verlernt Urheber und Quelle zu recherchieren. Verschwörungstheorien heizen die ohnehin schon angespannte Lage an. Die Corona-Pandemie stellt die Gesamtgesellschaft vor große Herausforderungen. Ich kann Ihnen versichern, dass Deutschland eine starke und gefestigte Demokratie und ein starkes politisches Krisenmanagement hat. Die Einschränkungen dienen dem Schutze des Lebens jedes Einzelnen. Nach wie vor gilt, was Orwell in seinem Roman „1984“ schreibt: „Freiheit bedeutet die Freiheit, zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles Übrige von selbst.“

In den Wochen seit Ausbruch der Pandemie haben die Menschen in Deutschland großes Verantwortungsbewusstsein und beeindruckende Solidarität gezeigt. Durch die weitgehende Einhaltung der Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung haben sie die Eindämmung des Virus ermöglicht. Darauf sollten wir stolz sein. Ich persönlich bin vor allem dankbar, dass uns Szenarien wie in den USA oder Italien bisher erspart geblieben sind. Alles ist anders – vor allem der Zusammenhalt untereinander!

Passen Sie auf sich und andere auf! Bleiben Sie gesund!

Ihr Peter Beyer