Kolumne

15.08.2020, 08:01 Uhr
 
„Jo, ich bin es" (Ausgabe 19/43)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. ** SONDERAUSGABE ** SOMMERTOUR **

"Ding dong", die Klingel ist laut und deutlich zu hören. Die Tür des hellblau getünchten Reihenhauses öffnet sich. "Mein Name ist Peter Beyer", sage ich und beginne zu erklären, warum ich geklingelt habe und lupfe kurz meine Mund-Nase-Maske, damit die Dame an der Tür ein vollständiges Bild von mir bekommt. Ich bin auf Sommertour durch die Heimat und mache Haustürbesuche. Mein Anliegen direkt ins Gespräch zu kommen, um zu erfahren wie es den Menschen in den vergangen Monaten während der pandemiebedingten Einschränkungen ergangen ist.

Sommer für Sommer habe ich in den vergangenen zehn Jahren die unterschiedlichsten Menschen in ihren Wirkungsstätten besucht und zugehört. Ich habe auf dem Feld gearbeitet, Hamburger gebraten, Pakete zugestellt oder in der Behindertenwerkstatt Staubsaugerteile zusammengebaut. Ich bin in den Bergbau eingefahren, habe mir die Erzeugung von Kohle und Öl aus Biomasse angesehen oder die Ärmel hochgekrempelt, um bei der Tafel Kisten zu schleppen. Auf Sommertour zu gehen bedeutet, fernab des Politikalltages ins Gespräch zu kommen und Zeit mitzubringen für Gespräche, die meistens unter die Haut gehen. Zeit ist der entscheidende Punkt, denn in der Regel sind meine Tage minutiös geplant und getacktet.

Während meiner Sommertour stehen in meinem Kalender meist nicht mehr als zwei Termine am Tag. Im Übrigen heißt es auch am Wochenende antreten. Denn vor allem Ehrenamtliche sind am Wochenende aktiv, wie die Fachgruppe Wasserschaden/Pumpen der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW), an deren Übung ich vor einiger Zeit teilnehmen durfte.

Mir liegt es fern, potemkinsche Dörfer zu besuchen. Das soll heißen: Der Politiker wird freundlich begrüßt. Es gibt einen kurzen Vortrag über den jeweiligen Ort des Geschehens und dann geht man gemeinsam durch eine schön aufbereitete Kulisse: Moderne Maschinen, zufriedene Angestellte, glückliche Tiere, nachhaltige Produkte und schöne Menschen. Für mich macht ein solch inszenierter Termin keinen Sinn.

Natürlich wühlt niemand gerne im Dreck - aber ich kann Ihnen sagen, wer vier Stunden hinter einem Kartoffelroder in gebückter Haltung hinterher läuft, für den hat die Diskussion um faire Arbeitsbedingungen und angemessenen Gesundheitsschutz für Saisonarbeitskräfte einen anderen Stellenwert, als wenn man fürs Foto eine Kuh streichelt. Spätestens, wenn man nach gemeinsamer schweißtreibender Arbeit zusammensitzt, ist jedwedes Eis mit dem Gesprächspartner gebrochen, und man bekommt mit bis dato fremden Menschen eine Atmosphäre der Vertrautheit. Ich erinnere mich an viele solcher Momente, die meine Berliner Arbeit sehr bereichert haben. Oft spiegeln die Gespräche Probleme, die man als Politiker in der Hauptstadt in einem anderen Licht wahrgenommen hat. Deshalb ist mir meine Sommertour wichtig.

In diesem Jahr stehen alle meine Besuche unter dem Eindruck der Corona-Pandemie. Auch bei meinem kürzlich geführten Fachgespräch zur Situation des heimischen Waldes spielte die Pandemie eine Rolle, denn die Waldbesitzer haben ganz besonders in den vergangenen Monaten gespürt, wie sehr die Natur und ganz besonders der Wald von den Menschen geschätzt und gebraucht wird. Sie hoffen über diese Erfahrungen, mehr Aufmerksamkeit für die Interessen des Waldes zu bekommen, denn der ist bei uns vor der Tür in Not. In der kommenden Woche geht es zu einem Pflegedienst, um über die Zukunft des Pflegeberufes zu sprechen.

Nach der Tour heißt es dann, das Erlebte aufzuarbeiten. Ich bin sicher, dass sich auch in diesem Jahr wieder das eine oder andere Thema meiner Tour auf dem Kabinettstisch im Kanzleramt wiederfinden wird.