Kolumne

12.09.2020, 09:00 Uhr
 
Der Chili-con-Carne-Index (Ausgabe 19/44)

Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. 

„Bitte beachten Sie das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in unserem Zug“, tönt eine freundliche Stimme durch den Lautsprecher. Der ICE nimmt erneut seine Fahrt auf. Es ist Sonntagabend, und ich befinde mich kurz hinter Hannover – bisher verläuft alles ohne Verspätung. Nächster Halt ist Wolfsburg, gefolgt von Stendal. Ich Steige am Berliner Hauptbahnhof aus. Ab Düsseldorf sind es vier Stunden und dreißig Minuten, in denen ich Zeit habe, mich auf die erste Sitzungswoche des Deutschen Bundestages nach der Sommerpause inhaltlich vorzubereiten.

Mein Wochenplan sieht vor: Der erste Termin am Montagmorgen ist ein Gespräch mit Abgeordneten des Europaausschusses aus Dänemark über die Transatlantischen Beziehungen. Es folgt eine hochrangig besetzte Diskussionsrunde bei einer Stiftung zur Erweiterungspolitik der Europäischen Union und die transatlantische Partnerschaft; später dann die Landesgruppe der Abgeordneten aus Nordrhein-Westfalen meiner Fraktion. Dienstag sieht mein Tagesprogramm ähnlich aus: Arbeitsgruppensitzung der Außenpolitiker meiner Fraktion, Fraktionssitzung von 13 bis 17 Uhr und dann Büroarbeit. Zu guter Letzt steht noch ein Gespräch zur finanziellen Lage der Kommunen in Zeiten von Corona an. Mittwoch: Auswärtiger Ausschuss, ein Gespräch mit der Botschafterin von Montenegro zum Ausgang der Parlamentswahlen in ihrem Land, Regierungsbefragung, dann Fragestunde im Plenarsaal unter der Glaskuppel im Reichstagsgebäude, gefolgt von einer „Aktuellen Stunde“ zu Cum Ex Steuerdeals und, die Rolle der Politik. Am Frühen Abend werden zwei Außenpolitische Debatten geführt. Auch Donnerstag und Freitag lesen sich ähnlich.

Während ich in meine Unterlagen vertieft bin, löffle ich im ICE ein Chili-con-Carne – das hat bei mir Tradition. Es erinnert mich an meine Studienzeit in Bonn. Neben Spaghetti stand der mexikanische Eintopf regelmäßig auf meinem Speiseplan. Das Gericht ist berühmt-berüchtigt unter Studierenden aller Fachrichtungen, von den Juristen über die Historiker bis hin zu Ökonomen. Letztere haben angeblich beim Genuss die Idee des Chili-con-Carne-Indexes erdacht. Mit seiner Hilfe haben sie die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Preissteigerung in Deutschland gemessen. Hätten Sie es gewusst? Ich war auch überrascht, als ich die Studie in den vergangenen Tagen in der Post fand.

Was sich im ersten Moment wie ein Scherz anhört, lieferte den Wissenschaftlern tiefgreifende Erkenntnisse. Der Chili-con-Carne-Index misst das, was die Verbraucher täglich an der Supermarktkasse im Portemonnaie spüren – jenseits der Messung durch das Statistische Bundesamt. Die Studie gibt an, dass 70 exemplarisch ausgewählte mögliche Zutaten für Chili-con-Carne vor der Mehrwertsteuersenkung knapp drei Prozent mehr gekostet haben, als nach der Einführung. Das heißt, der Chili-con-Carne-Index zeigt: Die Lebensmittelpreise sind nach einem rasanten Anstieg im Frühjahr nun wieder deutlich gesunken. Ich komme im Übrigen bei meinem Chili nicht auf 70 Zutaten – aber gut, bei der Messung geht es ja nicht um ein konkretes Rezept, sondern um Grundnahrungsmittel, die auch für das Kochen von Chili benötigt werden.

In der Zwischenzeit läuft der Zug in Stendal ein. Längst ist es draußen dunkel und der kleine Bahnhof ist hell erleuchtet. Von der Hansestadt in der Altmark in Sachsen-Anhalt liegen nun noch rund 120 Kilometer bis zu meiner Ankunft in der bundesdeutschen Hauptstadt.