Kolumne

10.10.2020, 08:00 Uhr
 
Corona - Chattanooga Choo Choo (Ausgabe 19/45)

Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. 

Es war mein fester Vorsatz, das Thema "Corona" in dieser Kolumne nicht zum Schwerpunkt zu machen - denn wie jeder andere auch, sehne ich mich nach den Zeiten ohne die unsichtbare Gefahr. Doch spätestens gestern Abend, als die Bilder des bis vor kurzem prominentesten Patienten über die TV-Bildschirme flackerten, habe ich diese Absicht verworfen. Denn lebensfremder, gefühlskälter und deplatzierter hätten die Sätze des US-Präsidenten kaum ausfallen können, als er seine Spontangenesung bekannt gab und sich selbst aus dem Krankenhaus entließ. Die USA verzeichneten bis Mitte dieser Woche 213.462 Todesfälle, diese Zahlen kann ein Präsident nicht negieren, und niemand kann ernsthaft glauben, dass das Virus mit einer Erkältung gleichzusetzen ist. Weltweit werden 1.044.490 Tote geschätzt. „Habt keine Angst vor dem Virus“ und „Ich fühle mich zwanzig Jahre jünger“, rief er. - Was für eine unverantwortliche Verlautbarung!

Der US-Präsidentschaftwahlkampf wird in der "Berliner Republik" genau beobachtet. Sich selbst zum Corona-Bezwinger zu stilisieren, um einen Wahlkampf zu gewinnen ist eine bizarre "October Surprise" (auf Deutsch: Oktober-Überraschung. So wird in den USA eine überraschende Wendung von Geschehnissen unmittelbar vor der Präsidentschaftswahl genannt, die zur Beeinflussung der Wahl beitragen kann).

 

Corona ist das beherrschende Thema: Die Fallzahlen steigen weltweit wieder, und auch bei uns kann niemand das Virus ignorieren. Es gibt nach wie vor kaum Präsenzveranstaltungen. Vieles wird "virtuell" gemacht. Die Sicherheitsmaßnahmen im Deutschen Bundestag sind für die 3.100 Beschäftigten der Bundestagsverwaltung, 2.800 Mitarbeiter der Abgeordneten und Fraktionen sowie für die 709 Parlamentarier weiter verschärft worden. In den Büroräumen, in Aufzügen und den Kantinen muss der 1,5 m Abstand eingehalten werden. Es gibt überall Desinfektionsspender und ein Lüftungskonzept für Hallen und Räume. Im Parlament unter der Glaskuppel muss ab heute Maske getragen werden, so die Anordnung des Bundestagspräsidenten.

 

In der Generaldebatte im Bundestag in der vergangenen Woche hat die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel die Bürger im Kampf gegen Corona zur Disziplin aufgefordert. „Ich bin sicher: Das Leben, wie wir es kannten, wird zurückkehren. Die Familien werden wieder feiern, die Clubs und Theater und Fußballstadien wieder voll sein“, sagte sie und fügte hinzu: „Aber jetzt müssen wir zeigen, dass wir weiter geduldig und vernünftig handeln und so Leben retten können. Ich appelliere an Sie alle: Halten Sie sich an die Regeln!“

 

Corona, Wahlkampf in den USA, kriegerische Handlungen in der Kaukasus-Region Berg-Karabach, der Fall Navalny, Proteste und Festnahmen in Hongkong und Belarus - bei all der Weltuntergangsstimmung, drohte am vergangenen Samstag ein wichtiges Ereignis fast in Vergessenheit zu geraten: 30 Jahre deutsche Wiedervereinigung - ein Grund zum Feiern, selbst in virologisch heiklen Zeiten. Ich selbst hatte mich für ein Videoprojekt mit Roland Jahn, dem Beauftragten für die Stasi-Unterlagen und Bürgern aus der Heimat auf meinen Social-Media-Kanälen entschieden, um den Dialog über das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West zu führen. Die zentrale Einheits-Veranstaltung in Potsdam fiel moderat aus. Anna Loos eröffnete die Feierlichkeiten mit ihrem Song „Startschuss“, zwischen den Reden des Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin und weiteren Honoratioren sangen Roland Kaiser, Mia und Mark Forster. Dazu gab es jede Menge Bilder der Geschichte.

 

Hätte ich einen Musikwunsch äußern dürfen, hätte ich mir ein Duett zwischen Udo Lindenberg und David Hasselhoff gewünscht. Eine Schnapsidee, aber wenn man sich an die Silvesternacht 1989/90 erinnert, so ist es das Bild Hunderttausender, die ihre Freiheit am Brandenburger Tor feierten. Über ihnen schwebte eine Hebebühne, auf der Hasselhoff stand und „Looking For Freedom“ sang. Ein Symbol für den Frieden war 1983 auch das Konzert Lindenbergs in der DDR. Mit seinem "Sonderzug nach Pankow" rockte er den Palast der Republik. Er selbst stand nicht nur wegen seiner Musik unter Beobachtung der Staatssicherheit, sondern auch wegen einer Liebesbeziehung zu einer DDR-Bürgerin. 1989 ging er erstmals mit dem Panikorchester im Osten Deutschlands auf Tournee - ohne die Staatssicherheit, dafür aber mit richtigen Fans vor der Bühne. Die Story vom „Mädchen aus Ostberlin“ und dem Rockstar aus dem Westen wurde mehr als fünf Jahre lang in Berlin am Potsdamer-Platz als Musical gespielt, wo einst die Mauer stand.

 

Was wäre das für ein symbolträchtiger Moment gewesen: Die beiden Legenden von beidseits des Atlantiks performen gemeinsam den Chattanooga Choo Choo-Song in der Glenn Miller Swing-Version mit dem deutschen Text von Lindenberg? Ich gebe zu, musikalisch etwas bizarr, aber Musik bringt die Menschen zusammen. Sie kann Brücken der Verständigung bauen – in Ost und West, im transatlantischen Verhältnis und in Corona-Zeiten. Die Italiener haben es uns vorgemacht. Sie verabredeten sich in der Zeit der stärksten Einschränkungen auf ihren Balkonen zum gemeinsamen Musizieren.

 

Mit dieser positiven Vision und dem Chattanooga Choo Choo auf den Lippen ging ich in die neue Sitzungswoche - und die gewichtigen Sorgen um Gesundheit und deutliche Beschränkungen im Alltag schienen ein ganzes Stück leichter zu ertragen.