Kolumne

14.11.2020, 11:19 Uhr
 
Democracy will win! (Ausgabe 19/46)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. 

Der Wahlkrimi zog sich durch die gesamte Nacht. Und auch noch die kommenden Tage war das Zittern um den Wahlsieg in den USA nicht beendet. Das politische Berlin war wie in einen Bann gezogen, jeder für sich allein, denn die unzählig geplanten Wahlpartys fanden wegen Corona nicht statt. Der Spannungsbogen war auf seinem Höhepunkt, als es am Mittwoch hieß: Patt in Arizona. Trumps Vorsprung schrumpfte mehr und mehr und man hatte das Gefühl, man höre ein tiefes Aufatmen. Auch in Pennsylvania bahnte sich ein Kopf-an-Kopfrennen an. Inzwischen trennten die beiden Kontrahenten nur noch 46.257 Stimmen – nach rund 700.000 am Wahlabend! Was dann folgte war eine zähe Aufholjagd: Wahlzettel für Wahlzettel, Stimme für Stimme. Für Außenstehende wirkte das alles grotesk, und selbst Experten waren geneigt zu fragen: Geht das alles mit rechten Dingen zu? Offenbar befand man sich mit dieser Frage in guter Gesellschaft, denn auch der noch amtierende Präsident Donald Trump und seine Anhänger vermuteten Wahlbetrug - obwohl es dafür keinen Beweis gab. Die anfängliche Euphorie verflog und immer rüder und dem Amt in kleinster Weise angemessene Äußerungen erreichten uns via Twitter. Auf den Straßen folgten Menschenansammlungen, alles beobachtet von der besorgten und mitfiebernden Weltöffentlichkeit, einer davon war ich.

Die US-Wahl und die Ungewissheit des Ausgangs war neben den pandemiedingten Einschränkungen bei uns hier in Deutschland das beherrschende Thema im politischen Berlin. Auf jedem Flur im Reichstagsgebäude wurde ich angesprochen: „Hast Du neue Informationen?“ Fast minütlich schauten die Kollegen auf die Tickermeldungen auf ihren Smartphones. Je mehr Zeit ins Land zog nach dem Schließen der Wahllokale in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, desto spannender wurde es.


Ich selbst erlebte die Nacht in meinem Berliner Büro. Eine Kanne Kaffee stand auf meinem Schreibtisch. Auf dem Bildschirm meines Laptops die aktuellsten Meldungen aus den USA. Auf dem TV-Bildschirm lief der Sender CNN, auf meinem Tablet der Sender Fox-News, und über mein Telefon hielt ich Kontakt zu Freunden und Wahlbeobachtern in den USA. Vielleicht hätte ich mir auch einen Wecker auf 4 Uhr morgens stellen können, aber ich wollte das Gesehen live mitverfolgen, um um 5 Uhr die ersten Kommentierungen für die Medien vorzunehmen. Es folgten dutzende Pressetermine – fast alle per Videoschalte. Einige wenige fanden physisch unter Hygieneauflagen in TV-Studios statt.

Eines ist mir in besonderer Erinnerung geblieben: Die Bild-Zeitung berichtete aus einem Nachbau des US-Präsidenten-Büros, dem Oval Office im Weißen Haus, welches eigens für die Wahlnacht gebaut worden war. Nur ein Platz bleibt frei: Der, um den sich in den kommenden Tagen alles drehen sollte, nämlich der des Präsidenten. Alles war originalgetreu angefertigt worden: Die Tapete, der berühmte Teppich mit dem US-Wappen und sogar die Privat-Fotos Trumps standen wie im richtigen Oval Office auf einer Kommode hinter dem mächtigen Schreibtisch des Präsidenten.

Seit April 2018 bekleide ich nun das Amt des Koordinators für die transatlantische Zusammenarbeit der Bundesregierung. Wir alle haben seit der Amtseinführung Donald Trumps viel erleben dürfen. Ich will es einmal so formulieren: Gegenseitiger Respekt sieht anders aus. Respekt ist es jedoch, welchen man sich von einem Wechsel im Weißen Haus verspricht. Joe Biden hat Interesse an Deutschland und Europa und bekennt sich anders als Trump zur regelbasierten Weltordnung, also zur Zusammenarbeit in internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO. Das wird eine ganz entscheidende Verbesserung zu den vergangenen vier Jahren darstellen. Aber wir müssen realistisch bleiben. Auch mit Biden wird über Nacht nicht alles besser werden.

Der Krimi geht wohl noch einige Tage weiter, denn auch wenn seit dem vergangenen Wochenende der Wahlsieger so gut wie feststeht, werden wohl noch etliche gerichtliche Streitigkeiten ausgetragen werden. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht zu landesweiten Ausschreitungen kommt. Nervöse Anspannung ist überall zu spüren und die Sorge, dass es keine geordnete Machtübergabe geben könnte ist gerechtfertigt – hoffen wir das Beste für eine der ältesten Demokratien des Westens. Der Ausgang wird so oder so Konsequenzen für uns alle haben. Halten wir an dem Diktum Thomas Manns fest: Democracy will win!