Kolumne

09.12.2020, 10:11 Uhr
 
Analog vs. digital (Ausgabe 19/47)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. 

Waren Sie heute schon am Briefkasten? Gehören Sie zu den Menschen, die sich über Anzeigen und Werbeblätter ärgern, weil sie den Kasten füllen und die Post selbst in dem Stapel der Werbung untergeht? Vielleicht wird das tägliche Leeren des Briefkastens demnächst eine der Geschichten sein, die Großeltern ihren Enkeln erzählen, wenn sie sich an die Routinen ihres Alltages erinnern. Denn der Briefkasten der Zukunft wird online abrufbar sein. In der Geschäftswelt und in vielen Bereichen des Privaten hat die E-Mail den klassischen Brief bereits verdrängt. Sogar Weihnachtskarten werden digital versandt - nachhaltig und kostenneutral.



Als ich am vergangenen Montag, der zweiten Haushaltswoche des Bundestages, in mein Berliner Büro kam, traf mich fast der Schlag. Mappenberge gespickt mit Weihnachtskarten warteten auf mich. Der Anblick glich einem Bergmassiv, und ich war einen kurzen Moment geneigt, die Karten digital zu versenden. Ein Mausklick und alle Karten wären im Nu versandt – wenn man will sogar personalisiert. Aber eben darum geht es bei Weihnachtspost nicht. Es geht nicht darum, etwas schnell abzuarbeiten. Es geht um einen persönlichen Gruß, der Freude beschert – analog, zum Anfassen. Ich sammle jede Weihnachtskarte und archiviere sie. Bei einer Bekannten habe ich gesehen, dass sie jede der ihr zugesandten Karten an einer Schnur aufreiht und sie bis über den Jahreswechsel für die gesamte Familie sichtbar aufhängt. Eine Weihnachtskarte ist keine Werbenachricht. Anders ist es bei einem gedruckten Katalog. So hat kürzlich ein schwedisches Möbelhaus beschlossen, nach der aktuellen 70. Ausgabe den bebilderten Katalog einzustellen. Über Jahrzehnte wurde er millionenfach in den Briefkästen der Bundesbürger gesteckt und hat mit seinen Produkten den Einrichtungsstil ganzer Generationen beeinflusst. Zukünftig sollen Facebook, Instagram und Co. Kunden locken.

Auf dem „Digital-Gipfel“ in der vergangenen Woche stellten sich Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zum wiederholten Mal die Frage, die sich hinter meinem Beispiel Weihnachtskarte und Katalog versteckt: Wie wollen wir in der Zukunft leben? In diesem Jahr stand das Thema „Digital nachhaltiger leben“ im Mittelpunkt der Diskussion. Damit griff die Veranstaltung zwei Megatrends auf, die unser Leben zunehmend bestimmen: Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Statt wie geplant in Jena, traf man sich digital. Die Abschaffung eines millionenfach gedruckten und versandten Katalogs ist bei solchen Überlegungen ein kleines Puzzleteil im großen Ganzen – denn das Internet wird nicht wieder verschwinden und die Digitalisierung wird nicht aufzuhalten sein. Der Wert einer persönlich geschrieben Weihnachtskarte, die man aus dem Briefkasten holt, wird ebenfalls bleiben. Zukünftig wird es nicht heißen „analog vs (gegen) digital“, sondern es wird noch eine Zeit beides geben. Digitalisierung soll das Leben erleichtern, aber nicht Werte ersetzen.

Fragen Sie sich gerade, warum schreibt der Beyer etwas über Digitalisierung und Werte? Er ist doch im Bundestag für Außenpolitik zuständig. Das ist richtig. Jedoch gehören neben den Fachthemen, mit denen ich mich intensiv beschäftige, auch viele andere Bereiche des Lebens zum Inhalt der Arbeit eines Abgeordneten. Sicherlich beschäftigt man sich mit den eigenen Themen am intensivsten, aber spätestens, wenn man dienstags in einer Sitzungswoche des Deutschen Bundestages in der Fraktion mit den Kollegen sitzt, ist man gezwungen, sich mit der Vielfalt der Inhalte, die die Politik beschäftigten auseinanderzusetzen – und diese Bereiche sind überall dort, wo Menschen miteinander in Berührung kommen. Und weil eben diese Bereiche nicht an Landesgrenzen enden, braucht es weltweite Partnerschaften, die auf ähnlichen Werten basieren, um Themen wie Digitalisierung, Gesundheits-, Klima-, oder Umweltschutz oder die Bekämpfung von Armut voranzutreiben. Digitalisierung und Werte sind daher zwei wesentliche Bereiche von Außenpolitik.

Und doch bleibt es wichtig zu verstehen, wie die kleine Einheit, die Heimat tickt. Denn Sorgen und Herausforderungen sind keinesfalls in der Welt, Europa, oder Deutschland dieselben, auch wenn die Ursachen vielleicht die Gleichen zu seien scheinen. Schon auf meiner Scholle gibt es Unterschiede: Der Rheinländer unterscheidet sich maßgeblich vom Bergischen Jung. Soll heißen, allein in meinem Wahlkreis gibt es Unterschiede, auf die die Politik bei ihren Entscheidungen ohne das große Ganze aus dem Blick zu verlieren, eingehen und Antworten bieten muss.

Bleiben Sie gesund! Ihr Peter Beyer