Kolumne

17.12.2020, 13:46 Uhr
 
Die Verletzlichkeit der Welt (Ausgabe 19/48) Jahresrückblick
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen auch diesmal wieder einen Blick in meine Arbeit geben. 

Das Jahr 2020 war wie kein anderes zuvor. Zweifelsohne wird es in die Geschichtsbücher eingehen. Denn die vergangenen zwölf Monate waren bei fast jedem – egal wo auf der Welt – geprägt von Verlust, Verzweiflung, aber auch Hoffnung und Mitmenschlichkeit. 2020 ist aber auch das Jahr, in dem Wissenschaftler einen neuen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen haben, und der eine oder andere Virologe hat heute mehr Twitter-Follower als die Toten Hosen und Mark Forster zusammen. Das Corona-Virus beherrscht unser Leben. Es hat unseren Alltag in einem Ausmaß verändert, wie es sich niemand hätte vorstellen können. Der Kampf gegen die Pandemie ist das bestimmende Thema.

Im Januar hielt man das Coronavirus noch für ein Problem der chinesischen Provinz Wuhan. Doch schon Ende Februar bei einer Karnevalssitzung im Kreis Heinsberg gab es auch vor unserer Haustür den ersten Corona-Hotspot. Ab März legte die Pandemie die Welt lahm, und das öffentliche Leben machte Pause, die Menschen richteten sich zu Hause ein. Schulen, Kitas, Gastronomie und die meisten Geschäfte mussten schließen. Im Supermarkt machte sich die Katastrophenstimmung besonders bemerkbar. Hamsterkäufe sorgten für leere Regale. Mehl, Hefe und Toilettenpapier wurden zur Mangelware. Jeden Monat erreichten uns neue Höchstwerte bei den Corona-Inzidenzen. Die in politischer Verantwortung Stehenden mussten Entscheidungen treffen, um Leben zu retten und zwischen Freiheit und Gesundheit abwägen. Und so drang der unsichtbare Feind nach und nach in jeden Bereich unseres persönlichen Lebens ein. Die Folgen sind Einsamkeit, Ausgrenzung und Stadtflucht. Eine Wahrheit ist auch: Die Pandemie trifft nicht alle Menschen gleichermaßen. Gerade die Schwächeren unserer Gesellschaft treffen die Folgen der Krise hart.

Als ob das allein nicht genug wäre: Schon im April ächzte das Land unter Hitze und Trockenheit. Die Äcker staubig, die Wälder brannten oder wurden Opfer von Borkenkäfern. Autokinos wurden zum Eventplatz. Im Mai startete die Fußball-Bundesliga mit sogenannten Geisterspielen in leeren Stadien. Als das Leben im Sommer langsam wiederaufblühte, brach Corona in der Fleischindustrie aus, und die zarte Hoffnung, es könnte alles besser werden, war verflogen. Viele von uns sagten ihren Urlaub ab aus Angst vor dem Ungewissen und drohender Quarantäne. Uns entsetze rechter Terror in Hanau ebenso wie rechtsextreme Drohmails an Politiker und Personen des öffentlichen Lebens. Wir schauten mit Sorge nach Beirut, wo im August eine Explosion apokalyptischen Ausmaßes tausende Opfer forderte. Die Zerstörung des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos durch mehrere Brände brachte uns die Situation der Flüchtlinge erneut in ihrem ganzen brutalen Elend vor Augen. Und die Vergiftung des Kremelkritikers Alexej Nawalny wurde zur erneuten Belastungsprobe für die deutsch-russischen Beziehungen. Gleichzeitig verlangten uns mutige Frauen in Belarus Respekt ab, die gegen Wahlfälschung und Autokratie im Lande vorgingen. Swetlana Tichanowskaya konnte ich selbst hier in Berlin treffen.

Durchgeatmet habe ich Anfang November. Denn mit vielen anderen auf der Welt habe ich mich gefreut, dass Amerika mehrheitlich die Periode Trump beendet hat. Es war ein Wahl-Krimi. Die dramatischen Ereignisse in den USA haben aber auch gezeigt, in welche Richtung sich unsere eigene Zukunft entwickeln könnte. Es zeigt, dass Demokratie nicht vor einer Spaltung der Gesellschaft schützt und dass der Schock und die Verluste durch die Corona-Krise das Potenzial haben, bereits bestehende Gräben weiter zu vertiefen. Der deutsche Parlamentarismus ist Gott sei Dank sehr resilient verfasst und kann so einer extremen politischen Polarisierung widerstehen. Doch Beispiele in manchem EU-Mitgliedstaat zeigen uns, dass der Glaube an ein freiheitlich demokratisches System allein nicht reicht und dass Demokratie kein Geschenk, sondern ein erkämpfter Wert ist.

Ich bin guter Hoffnung: Die Pandemie wird ihren Schrecken verlieren. In diesem Sinne: Bleiben Sie gesund! Haben Sie ein gesegnetes Weihnachtsfest gemeinsam mit den Menschen, die Ihnen wichtig sind. Für 2021 wünsche ich Ihnen alles Gute, Gesundheit und Gottes Segen.