Kolumne

27.09.2018, 11:50 Uhr
 
Einigkeit und Recht und Freiheit (Ausgabe19/15)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Die Morgensonne scheint auf die weißen Pagodenzelte auf dem „Platz der Republik“. Ich stehe auf dem Balkon des Reichstages, auf dem Philipp Scheidemann vor fast 100 Jahren die Republik ausgerufen hatte. Mein Blick schweift hinüber zum Paul-Löbe-Haus, das Haus der Ausschüsse des Deutschen Bundestages, und weiter zum Bundeskanzleramt. 

Auf dem Bürgersteig zwischen Paul-Löbe-Haus und Kanzleramt schlängelt sich gelbleuchtend „das Band der Einheit“. Alle 11.040 Gemeindenamen-Schilder Deutschlands wurden dafür in Berlin-Mitte zu einem 2,5 Kilometer langen gelben Band auf den Bürgersteig geklebt. Ein tolles Projekt zum Einheitstag. Dieses macht es möglich, auf einem Band des Bundes in der Hauptstadt durch Deutschland zu spazieren. Als ich vergangene Woche mit dem Fahrrad zum Büro fuhr, war ich neugierig und habe mich auf die Suche nach den Städten Heiligenhaus, Ratingen, Velbert und Wülfrath gemacht. Die Städte des Buchstabens „H“ klebten zu meinem Bedauern noch nicht, aber „R“ und „V“ fand ich. Was für ein Zufall, dachte ich, denn die beiden Klebefolien der Städte Ratingen und Velbert befinden sich auf Höhe der amerikanischen Botschaft. „Meine Heimat und meine Sehnsucht direkt beieinander“, dachte ich in diesem Moment.

Während vor dem Reichstag und überall in der Stadt die Aufbauten für die Feierlichkeiten des Tages der Deutschen Einheit im vollen Gange sind, gehe ich in Richtung Plenarsaal und betrete ihn unbewusst an diesem Donnerstag durch die große Glastür auf dessen gläsernem Sims die Aufschrift „Nein“ steht. Es ist eine der Türen für den sogenannten „Hammelsprung“, eine besondere Abstimmungsform beziehungsweise Zählart im Bundestag.

Während ich zu einem der blauen Stühle im Unionsblock gehe, drehen sich meine Gedanken immer noch um das Thema „Einheit“. Einheit? Ist da eigentlich etwas schief gelaufen? Denn, und das spüren alle Menschen in Deutschland, seit der Wiedervereinigung vor 28 Jahren scheinen sich die Deutschen selten so fremd gewesen zu sein wie heute. Es betrübt mich, wie schnell die Geschichte vergessen ist. Wie neue Grenzen und Zäune aufgerichtet werden, innerlich wie äußerlich. Mich beunruhigt die Verrohung des Umgangs der Menschen miteinander. Es hat sich ein Verlust des Verständnisses für das eingestellt, was sich gehört und was sich nicht gehört.

Spätestens nach den Ereignissen in Chemnitz und Köthen und der Personaldebatte der Großen Koalition um die Causa Maaßen – die anstatt eines Diskurses über sinnvolle Bekämpfungsansätze gegen das Auftreten Rechtsextremer und die Aufklärung und Untersuchung einer möglichen Verstrickung der AfD und Pegida geführt wurde – haben verdeutlicht, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen und Position zu beziehen. „Einigkeit und Recht und Freiheit“, schon in unserer Nationalhymne lassen wir keinen Zweifel daran, was wir uns für unser Land wünschen. Derzeit frage ich mich, wie viel gesellschaftliche Entzweiung wir uns noch leisten können und wollen. Nun ist es die Aufgabe der Regierung, das Trennende zu überwinden.

Vielleicht ist es etwas pathetisch, aber dennoch passend: Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer erkannte in der dritten Strophe der Nationalhymne ein Gelöbnis, dass wir ein einiges Volk, ein freies Volk und ein friedliches Volk sein wollen. Das war 1950. Ganz offiziell Nationalhymne ist die dritte Strophe des Deutschlandlieds erst seit 1991. Das besiegelten Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einem Briefwechsel: Die dritte Strophe habe sich als Symbol bewährt und solle es bleiben: „Einigkeit und Recht und Freiheit, für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben. Brüderlich mit Herz und Hand!“ Arbeiten wir alle gemeinsam daran!