Kolumne

27.09.2019, 15:29 Uhr
 
Woche mit BIss (Ausgabe 19/30)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Klein und schneller faul, so lautet die Bilanz der Apfelernte in diesem Jahr. Trockenheit und Hitze hätten den süßen Früchten zu schaffen gemacht, so der Verband der Apfelbauern in unseren heimischen Gefilden. Äpfel sind aber auch politisch – und dass auf höchster Ebene. Hätten Sie das gedacht? Ich nicht. Die Meldung „Apfelkabinett im Bundeskanzleramt“ lies mich aufhorchen.


Ja, A-P-F-E-L-Kabinett, sie haben richtig gelesen. Gut, Äpfel sind gesund. Wir erinnern uns: An apple a day keeps the doctor away. Äpfel stehen aber auch für den Inbegriff guter Qualität und Sortenvielfalt. Darüber hinaus sind sie trotz langer Haltbarkeit, schmackhaft. Und, weil sie kurze Transportwege haben, jede Region in Deutschland hat ihre eigene Sorte, sind sie CO2 neutral.

Wie ich kürzlich bei einem Gespräch mit Besitzern heimischer Streuobstwiesen lernen durfte – die im Übrigen arbeitsintensiv jedoch wirtschaftlich nicht besonders attraktiv, dafür aber umso wichtiger für die Insekten und Umwelt sind – , ist der Berlepsch ein echter Lokalheld. Sein Name ist ebenfalls politisch. Ist er doch benannt nach dem ehemaligen Düsseldorfer Regierungspräsidenten Hans Hermann Freiherr von Berlepsch.

Dieses Früchtchen allein ist jedoch nicht der Grund für das jährliche Gipfeltreffen von Apfel- und Blütenkönigen, die mit ihren prallgefüllten Erntekörben in bunter Tracht den Kabinettsaal im Kanzleramt besuchen. Diese Hoheiten bringen seit 1976 gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsminister den jeweiligen Kabinettskollegen erntefrisches Obst. Mit von der Partie sind der gelb-grün leuchtende Golden Delicious, der erfrischende Elstar, der süßlich-feine Jonagold, der süß-fruchtige Gala, der vitaminreiche Braeburn und der persönliche Star der Kanzlerin, der säuerliche Boskoop. Während also vergangenen Freitag vor zwei Wochen am selben Ort um das Klima und seine Rettung gekämpft wurde, geht es nun ganz praktisch, um das Lieblingsobst der Deutschen. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von rund 21 Kilogramm ist der Apfel darüber hinaus die wichtigste heimische Obstart. Die Idee, die hinter dieser Aktion steckt: Die Würdigung des wichtigsten deutschen Obsts.

In der vergangenen Sitzungswoche des Deutschen Bundestages waren die Vitaminspender sicherlich für den einen oder anderen Abgeordneten ein willkommener Energieschub, denn sie sind ein idealer Snack, den man sich schnell mal zwischen zwei Terminen gönnen kann, ohne dass es gleich ansetzt.

Die Themen der Woche im Parlament hatten ebenfalls Biss: Es wurde in erster Lesung das Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen beraten.  Des Weiteren diskutierten wir um bessere Löhne in der Pflege. Das Parlament hat die Bundesregierung aufgefordert, die notwendigen Gesetzesänderungen vorzubereiten, um das Stasi-Unterlagenarchiv in das Bundesarchiv zu integrieren. Hier soll ein eigener Leitungsbereich „Stasi-Unterlagen-Archiv“ entstehen, damit Erhalt, Erschließung und Nutzung der Akten auch zur Forschung verbessert werden kann. Durch eine EU-Richtlinie aus dem Jahr 2005 ist es notwendig geworden, die Hebammenausbildung in Deutschland als akademischen Beruf auszurichten. Daher haben wir Parlamentier der Einrichtung eines dualen Studienganges mit hohem Praxisanteil beschlossen. Wir diskutierten den gemeinsamen Antrag der Koalitionsfraktionen zur Empfehlung einer Aufnahme von EU-Beitrittsgesprächen von Albanien und Nordmazedonien. Als Fachmann für die Region durfte ich donnerstags in die „Bütt“. Ebenso sprach ich am Mittwochnachmittag, anlässlich einer „Aktuellen Stunde“ zur Situation in der Golfregion. Die Themen waren wie immer vielfältig und die Diskussionen waren überwiegend sachlich aber in Teilen auch emotional.

Denn nachdem die Bundesregierung eine Woche zuvor das bislang umfangreichste Maßnahmenpaket zum Klimaschutz in Deutschland auf den Weg gebracht hat, war es in dieser Woche auch am Parlament Zeit, den eingeschlagenen Weg zu bestätigen. Um auf den Apfel zurück zukommen: Er ist sicherlich ein gutes Beispiel dafür, wie jeder einzelne einen einfachen, kleinen Beitrag leisten kann, ohne viel zu verändern. Denn warum Äpfel aus Neuseeland kaufen, wenn sie doch vor der Haustür wachsen? Aber tun sie es nicht wie Goethes Faust: „Einst hat ich einen schönen Traum; Da sah ich einen Apfelbaum. Zwei schöne Äpfel glänzten dran, Sie reizten mich, ich stieg hinan.“