Kolumne

09.04.2020, 13:16 Uhr
 
Neubewertung (Ausgabe 19/39)
Die 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestages gehört zu den spannendsten seit der Gründung der Republik. Mit meiner Kolumne „Ein Beyer in Berlin“ möchte ich Ihnen immer am Ende einer Sitzungswoche regelmäßig einen Blick hinter die Kulissen des „Hohen Hauses“ geben.

Es steht faktisch alles still. Schulen und Kindergärten sind geschlossen, Büros und Unternehmen verwaist. Und während es uns alle auf Grund der Frühlingstemperaturen ins Freie drängt, warnen Mediziner vor einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus. Die Corona-Krise verunsichert und schafft an vielen Stellen für uns als Gesamtgesellschaft große Herausforderungen. Auch mein Team hier in der Heimat, im Bundestag, im Auswärtigen Amt und ich persönlich arbeiten seit nunmehr drei Wochen zu Hause – mit einer Unterbrechung: Vor zwei Wochen musste ich nach Berlin, da der Deutsche Bundestag, wenn auch unter anderen Bedingungen als gewöhnlich, zusammenkam.

Die Sorge aller Menschen ist groß: Sie haben Angst. Angst vor Ansteckung, Angst, dass den Familienangehörigen etwas zustoßen könnte; Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Wenn wir fest zusammenstehen und auch die notwenige Disziplin zeigen, zu Hause zu bleiben, um die Infektionsketten zu unterbrechen, kann es gelingen, das Virus einzudämmen. Gleichzeitig erfahren wir ein unwahrscheinliches Maß an Solidarität und Einsatzbereitschaft. Mein ausdrücklicher Dank all denen, die tagtäglich helfen, die Krise zu bewältigen.

Erstmals erleben wir, wie wichtig es ist, beispielsweise vor Ort einkaufen zu können, dazu gehört der Einzelhandel oder die Apotheke. Aber auch die Müllabfuhr, die Postboten, die mobile Pflege und und und. Uns allen fehlt das soziale Leben, das Bier in der Kneipe um die Ecke, oder die Pizza beim Lieblingsitaliener und den Jüngeren die Rutschpartie auf dem Spielplatz. Das alles sind Freiheitswerte. Vielfalt, Lebendigkeit, Streitbarkeit, Öffentlichkeit, Offenheit, Reisefreiheit, wird wiederkommen – es handelt sich um temporäre Einschränkungen unserer Grundrechte, um Leben zu retten.

Weil sich auch Bundestagskollegen mit dem Virus angesteckt haben, galten unter der Reichstagskuppel während der Sitzungstage neue Regeln, denn allein im Plenum sitzen mehr als 700 Menschen. Dazu kommen tausende Mitarbeiter. Viele Kollegen haben in Berlin keine Wohnung, sondern schlafen in Hotels, diese stehen aber nach den jüngsten Verfügungen nicht mehr im üblichen Maße zur Verfügung. Hinzu kamen die Schwierigkeiten der Anreise, da Bahn- und Flugverkehr stark eingeschränkt sind. Den Plenarbetrieb einfach einstellen, war keine Option, denn das Parlament muss gerade in Krisensituationen handlungsfähig sein und die Politik gravierende Entscheidungen treffen. Die Lösung: Weniger Abgeordnete, Telefonschalten und weniger physische Zusammenkünfte. Gremiensitzungen fanden per Telefonkonferenz statt. Wer in Selbst-Quarantäne war oder einer Risikogruppe angehört, war daheim geblieben. Die nächste Sitzungswoche wird voraussichtlich erst nach Ostern stattfinden. Wie sich diese Woche gestalten wird ist noch nicht abschließend geklärt.

So schlimm die Lage derzeit ist, so können wir doch auch Positives vermerken. Mit „Vollgas“ wird an neuen digitalen Wegen in allen Lebensbereichen gearbeitet. Was vorher von vielen Menschen abgelehnt wurde wie beispielsweise virtuelle Meetings, flexibilisiere Arbeitszeiten, ist nun selbstverständlich. Wir kümmern uns neben dem Job um unsere Familien, machen den Haushalt, kochen, sorgen dafür, dass unsere Kinder frische Luft, ausreichend Bewegung und auch noch irgendeine Art von Unterricht bekommen. Wir stehen ohne zu murren in der Schlange vor dem Supermarkt, der Sparkasse oder der Apotheke und halten Abstand.

 

Distanz ist die neue Fürsorge. Das haben wir in schnell gelernt. So ist unser ungewöhnliches Verhalten nicht simple Eigenverantwortung, sondern vor allem Ausdruck von Achtsamkeit und Solidarität. Denn dieses Virus können wir nur gemeinsam aufhalten. Herzlichen Dank dafür! Bleiben Sie gesund!